Straßen- und Flurnamen erzählen Geschichte(n)

Die diesjährige, schon traditionelle Radtour durch unseren Seelsorgebereich stand unter dem Thema „Straßen- und Flurnamen erzählen Geschichte(n)“. Etwa 15 Pfarrangehörige aus Lessenich, Tannenbusch, Auerberg und Buschdorf machten sich bei bestem Radelwetter auf den Weg.

Hier eine knappe Zusammenfassung der Tour:
Die Menschen früherer Jahrhunderte hatten selten Anlass, ihren Heimatort zu verlassen, und wenn sie es doch taten, dann zumeist auf Feldwegen, zu Fuß, ohne Navi oder Landkarte. Sie orientierten sich am  Gelände (Feld, Wiese, Wald, Gewässer), an markanten Orten oder Bauwerken (Brücken, Weggabelungen), oft auch an vertrauten Besitzverhältnissen („Im Ellingsfeld“, „Am Schmitten Pädchen“). Im Lauf der Zeit verfestigte sich dieses Wissen und wurde zur  Wurzel alter oder auch neuerer Flurnamen in unserem Seelsorgebereich: Ausgehend von der Kirche St. Laurentius ging unsere Radtour vorbei an der Straße „Auf der Erk“, worin sich das lateinische Wort arca, Kasten, verbirgt (vgl. das Wort Arche!), welches auf ein Mühlenwehr hindeutet. Wir hörten einiges über die Römer als Straßenbauer in unserer Gegend und über die Bedeutung der Lessenicher und Oedekovener Mühlen, deren Erinnerung die Mühlenstraße bzw. die Straße An der Knappenmühle wachhalten. Die Straße Im Brocken leitet sich von Bruch, feuchter Niederung, ab, der Weidenpeschweg verbirgt das lateinische pascum, Wiese, und die Flurnamen In der Bitz oder Im runden Benden verweisen auf die landwirtschaftliche Nutzung des Landes als (eingezäunte) Wiese. In Lessenich, Messdorf und Dransdorf spielte, wie in vielen anderen Orten im Rheinland, der einst von den Römern eingeführte Weinbau bis ins 19. Jahrhundert hinein eine bedeutende Rolle: einerseits für den Eigenbedarf bzw. als Messwein, aber auch als Handelsware oder so genannter Nasser Zehnter, also einer Abgabe der Bauern oder Pächter an den jeweiligen Grundeigentümer. Viele Flurnamen wie Im jungen Weinberg, Am Wingert etc. verweisen auf den Weinbau, und auch die Wegebezeichnung „Auf dem Tonnenpfad“ lässt sich wohl vom Wort Donn für Weinstöcke herleiten. Lang zurück reicht die Geschichte des heutigen Guts Ostler, das jahrhundertelang im Besitz des Bonner Cassiusstifts war und durch teils heute noch sichtbare, auf alten Karten gut erkennbare Wassergräben gesichert wurde. Es diente dem Cassiusstift als bedeutender Verwaltungsmittelpunkt. Wohl auf die Wehrhaftigkeit der Anlage beziehen sich der alte Straßenname Burgweg und die Flurbezeichnung Auf dem Burggarten. Leider wurde ja die alte Dransdorfer Mühle abgerissen, sodass nur noch die Wegbezeichnung „An der Dransdorfer Mühle“ an sie und ihre Bedeutung für die Bauern der Umgebung erinnert. Die Grootestraße in Dransdorf ist nach Franz von Groote benannt, einem Kölner Ratsherrn, der im 18. Jahrhundert die Dransdorfer Burg kaufte und sie nach Zerstörung und Blitzschlag mehrfach erneuern musste.
Auf unserer Tour erreichten wir auch die Hohe Straße, eine alte und wichtige Überlandverbindung, und passierten zwischen Tannenbusch und Buschdorf den Georg-Elser-Weg, der an einen mutigen, 1945 von den Nationalsozialisten in Dachau ermordeten Gegner des NS-Regimes erinnert. Auch Buschdorf selbst hat viele interessante Straßen- und Flurnamen aufzuweisen: etwa den uralten Dellweg, eine vielleicht schon prähistorische Wegeverbindung, ferner die Straße Im Schildchen, die an ein schildförmiges Flurstück erinnern soll, oder die Schickgasse, die sich auf das mundartliche Wort für schräg bezieht. Die Tour klang auf dem Buschdorfer Pfarrfest mit dem einen oder anderen kühlen Schluck Bier aus.
Vieles Interessante und Wissenswerte wurde dankenswerterweise auch von den Teilnehmenden beisteuert, die teils schon seit Jahrzehnten in Lessenich, Tannenbusch oder Buschdorf leben und so der Tour ihre besondere Würze gaben. Einmal mehr konnten wir erleben, dass wir nicht nur in einer landschaftlich schönen, sondern auch  historisch spannenden Gegend leben.

Quellen: Ansgar S. Klein (Bearb.), Bonner Straßennamen. Herkunft und Bedeutung, Bonn 2011; Historische Arbeitsgemeinschaft des Pfarrgemeinderates im Auftrage der Kirche St. Laurentius in Lessenich (Hrsg.), Geschichte des ehemaligen Pfarrsprengels St. Laurentius in Lessenich: Beiträge zur Geschichte von Lessenich-Messdorf, Band IV, Bonn-Lessenich 1986, sowie Robert Thomas, Beiträge zur Geschichte der Orte Lessenich, Messdorf und Duisdorf,  hrsg. von der Historischen Arbeitsgemeinschaft des Pfarrgemeinderates im Auftrage der Kirche St. Laurentius in Lessenich,  Band III, Bonn-Lessenich 1982 sowie eigene Recherchen.